Lübeck. Nach 30 Jahren erfreut sich die Lübecker Kulturszene, Ballett in ihrer Stadt willkommen zu heißen. Ein besonderes Highlight: Live-Musik als Begleitung.
Text und Fotos: Johanna von Karajan

Ein voller Großer Saal über insgesamt drei Ebenen, ein noch volleres Haus und viel Euphorie hallte es aus dem Theater Lübeck zu einer fast sommerlichen Abenddämmerung gegen 19:00 Uhr. Denn eine halbe Stunde später, um 19:30 Uhr sollte das langersehnte Ballett in Hansestadt wieder Premiere feiern. Für diesen besonderen Anlass saß Komponist Leon Gurvitch für den ersten Akt “Kintsugi” persönlich am Klavier.
Die nächsten ca. zwei Stunden und zehn Minuten (inklusive Pause zwischen Akt I und Akt III) waren, was sie versprachen: Die Versetzung in eine atemberaubend faszinierende Welt.
Kintsugi
Was würden Sie tun, wenn Ihre Lieblingsvase zerbricht? Unter den Kulturen zwischen „einfach wieder zusammenkleben“ und „bloß nicht! Scherben bringen Glück“ scheiden sich die Gemüter. Vielleicht können wir uns (mal wieder) etwas aus der japanischen Kulturphilosophie abgucken: Kintsugi beschreibt die Kunst, ein zerbrochenes Keramikstück wieder zusammenzukleben und die zusammengeklebten Stellen mit Gold zu verzieren. Dies steht metaphorisch dafür, Narben nicht zu verstecken, sondern sie zu ehren. Es ist zerbrochen, aber es ist wichtig, weil es überlebt hat. Diese Lebensweisheit wird vor allem in Beziehungen angewandt. So solle man nicht direkt die Trennung in Erwägung ziehen, sondern die Beziehung in schwierigen Zeiten pflegen, um sie zu erhalten. Dies spiegelte sich auch im Stück “Kintsugi” wider.
Blautöne verschwimmen in Weiß – dies hat nicht nur für das Auge angenehm gewirkt, sondern hat perfekt die positive Melodie, mit der “Kintsugi” eingeleitet wurde, reflektiert. Doch die Stücke von Leon Gurvitch wären nicht die seine, wenn sie nicht zwei Welten in einem Klavier vereinen würden. Gurvitch bewies wieder einmal eine makellose Performance voller Charakter, welche sich beim Tanz in der Harmonie zwischen Leichtigkeit und Körperspannung wiederfinden lies. So war der erste Akt vom Bühnenbild zwar schlicht, aber voller Ausdruck. Die Professionalität der Tänzerinnen und Tänzer ist beeindruckend und unverkennbar, als diese teils mit Sehbehinderungen bzw. gänzlich ohne hinzugucken, ihrem Ballett hingegeben haben. Ein aufregendes und dramatisches Stakkato ist beim Tanz der Männer ertönt, während die Damen bei zarten Tönen zum Einsatz gekommen sind. Doch allgemein ist die Synchronität der Tänzerinnen und Tänzer vollkommen beeindruckend gewesen. “Kintsugi” von Leon Gurvitch, der am Klavier wieder vollen Einsatz und Hingabe gezeigt hat: eine Symphonie von Spannung und Ruhe. Die Nähe zwischen Gurvitch und dem Kieler Ballett wurde durch die gesamte Bühne vermittelt. Bei lauten Tönen hat sich ein Wirbel aus vielen Tänzerinnen und Tänzern ereignet.

The Dying Poet
Für dieses Stück wurden die blau-weißen Kostüme ausgetauscht mit einem kurzen Kleid, was vielmehr ein längeres Oberteil war, in Dunkelgrün nahezu Petrolton gepaart mit Nude unterhalb. Es stand zwar kein Klavier mehr auf der Bühne, doch ein angenehm ruhiges Klavierspiel war weiterhin zu hören. Hier lag der Fokus definitiv im genauen Hinschauen, denn man wollte sich keine der starken Figuren entgehen lassen, die im Tanz mit schnellen, akkuraten Drehs gezeigt wurden. Man ist sich beim Akt II “The Dying Poet” vor wie im Film vorgekommen bei diesen Bewegungen. Doch ist dieses Märchen live gewesen. Entsprechend der Atmosphäre haben nur zwei Paare “The Dying Poet” (siehe Titelbild) aufgeführt.
Dieses Stück wurde von Antoine Jully aus dem BallettCompagnie Oldenburg choreografiert. Er hat damit seine Sehnsucht nach dem “klassischen Ballett” ausgedrückt.
Is This It?
Ein Playback von Asaf Avidan: “The Disciple”, “Is This It?” und “Thumbtacks In My Marrow” aus dem Album “Different Pulses”.
Ein roter Plexiglasstuhl. Hosenträger. Schwarze Hosen, nackte Oberkörper.
Bei diesem Ballett haben Breakdance und Hip-Hop auf jazzige Balladen getroffen. Die Performance war tougher, denn der gleichnamige Akt III “Is This It?” setzt sich mit dem inneren Konflikt des Menschen auseinander und die Suche nach sich selbst – zwischen Abstand und Nähe sowie seinen Weg zu gehen und innezuhalten, zwischen Kopf und Herz. Das Stück selbst fragt nur: War es das?
Ballett trifft auf StreetDance: derb in Verzweiflung und Drama. Die souveränen Tänzerinnen und Tänzer haben die Liedtexte gesungen von einer passend rauen Stimme in einem grandiosen Schauspiel bestens inszeniert. Insbesondere hat das dramatische Aufatmen und das darauffolgende Lächeln großen Eindruck hinterlassen. Mit dieser unglaublichen Körperbeherrschung, das Vertrauen im doch sehr innigen Tanz aber auch der vermittelten Sympathie lehren uns besonders die Balletttänzer und -tänzerinnen, dass der menschliche Körper alles andere als ein Tabu ist.
Bis hierhin ist eine Sache nicht unbemerkt geblieben: In aller Kürze, die Anmut vor allem der Tänzerinnen, die sehr knapp bis hin zu durchsichtig gekleidet waren und voller Würde getanzt haben, als würden sie über den Wolken schweben. Eine absolute Anerkennung dieser Meisterleistung.
Dieses revolutionäre Stück wurde choreografiert von Antoine Jully und erstmals am 11. November 2017 in der BallettCompagnie in Oldenburg aufgeführt.
“Ein Lübecker Publikum begeistert man nicht einfach so. Aber das Duo aus Hamburg Gurvitch-Revazov (zusätzlich mit Jully und Paulin) hat es mit seinem Meisterwerk hinbekommen.”
Gilded Reverie
Eine Kabine, weite Hosen, ein Farbspiel von Hell und Dunkel – Schwarz und Gold.
Zwei Männer, eine goldene Maske.
Denken Sie, dass man in einem langen Abendkleid Ballett tanzen kann? Wenn ich schon so Frage, dann steht die Antwort ganz offensichtlich außer Frage.
Der letzte Akt hat Bühnenbilder, genauer gesagt, Kunstwerke des Wiener Malers Gustav Klimt (1862-1918) in die Kulisse gebracht. In diesem Sinne ist der vierte und letzte Akt “Gilded Reverie” eine visuelle und emotionale Hommage von der ehemaligen Hamburgerin Kristina Paulin an der den bedeutendsten Maler des Wiener Jugendstils Gustav Klimt gewesen.
Der Akt IV ist in fünf Unterabschnitte aufgeteilt gewesen:
- Solo-Introduktion von Klimt, seiner inneren Stimme und Emilie Flöge (eine Frau, die in seinem Leben große Bedeutung hatte. Er hat ihr täglich mehrere Briefe geschrieben und ließ sie an sein Sterbebett kommen).
- Duett und Pas de trois
- Abstrakte Darstellung von Klimts Werk
- Tod und Leben – denn der Künstler führte einen inneren Kampf mit der Sterblichkeit
- Klimts ikonischer Stil
Gustav Klimt liebte es besonders, Frauen erotisch und nackt zu inszenieren. Er verehrte das weibliche Geschlecht, aber auch das Leben, die Liebe und der Tod sollen wichtige Themen gewesen sein, die er in seinen Werken aufgegriffen hat. Wenn man sich gefragt hat, ob der asynchrone Tanz in diesem Akt doch Absicht gewesen ist, dann hat man genau richtig gelegen, denn genau dies sollte im vierten Abschnitt dargestellt werden und wurde makellos dargestellt mit tosender Spannung im Kollektiv. Was ruhig und anscheinend friedlich begonnen hatte ist in Chaos, Drama und Mysterium zu Ende gegangen.
Die gleichnamige Musik von Davidson Jaconello mit einem Kirchengesang in Tenor und einem Violinspiel sowie die Musik von W.A. Mozart, Arvo Pärt und Edvard Grieg haben den letzten Akt passend abgerundet. Insgesamt hätte die neuromantische, revolutionäre Kunst mit dieser abstrakten Performance nicht besser in Szene gesetzt werden können. Die in Gold getauchte Bühne, die Klimts besonders populäre Werke der “Goldenen Periode” hervorgehoben hat sowie die gotisch erscheinenden Bilder, die seine religiösen Assoziationen aufgegriffen haben, sind das Werk eines Genies gewesen.
Der gesamte Auftritt lies den letzten Akt als großes Finale wie eine Gala erscheinen, nicht zuletzt durch die gold-schwarzen Kleider der Tänzerinnen in Kombination mit dem Kopfschmuck. “Gilded Reverie” ist im wahrsten Sinne des Wortes der krönende Abschluss eines aufregenden Tanzabends der Superlative gewesen. Dafür ein großer Dank an das Ballett Kiel.

Gurvitch & Revazov in Hamburg
Ein Lübecker Publikum begeistert man nicht einfach so. Aber das Duo aus Hamburg Gurvitch-Revazov (zusätzlich mit Jully und Paulin) hat es mit seinem Meisterwerk hinbekommen. Das doch so konservativ erscheinende Publikum erfreute sich nicht nur daran, überhaupt wieder Ballett in seiner Stadt genießen zu dürfen, sondern war nahezu einstimmig beeindruckt von dem provokant-revolutionärem Akt III “Is This It?”, welches besonders durch seine Signalfarbe Rot hervorgestochen war. Aber auch “Kintsugi” hat die Massen vor allem mit der Live-Musik von Leon Gurvitch begeistert, wodurch der erste Akt besonders hervorgestochen ist. Doch ebenso hat der Goldrausch des letzten Akts sein Übriges getan, die Massen im Publikum zu begeistern. Dies sind die Stimmen aus dem Publikum auf der Aftershowparty gewesen. So kann es künftig weitergehen (hoffentlich) ohne eine weitere 30-jährige Pause.
Insgesamt beehrt das Kieler Ballett seine Partnerstadt in Schleswig-Holstein mit 12 Vorstellungen von Ende März bis Anfang Juli. Alle Informationen zu den Vorstellungen im Theater Lübeck gibt es hier.
Wer es dennoch nicht nach Lübeck schaffen sollte, sollte sich die Premiere von “Kintsugi” in Hamburg mit “Silentium” von Edvin Revazov nicht entgehen lassen. Am Fr. 16. Mai 2025 um 20:00 Uhr im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie. Tickets gibt es hier.
[…] fantastischen Tanz des Kieler Balletts vor dem inneren Auge sehen lassen. Den Artikel dazu gibt es hier. Aus Kintsgi wurde außerdem der weibliche Tanz “Melody from […]
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[…] Theater Lübeck bei der Premiere des Ballets “Der Flüchtige Augenblick” über den ich hier geschrieben habe, ist es auf dem Theaterschiff unweit davon sehr locker und freundlich gewesen. […]
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